Warum zwei Nachbarorte nicht dasselbe Netzentgelt zahlen
Zwei Haushalte, derselbe Anbieter, derselbe Tarifname, ein paar Kilometer Abstand. Die Jahresrechnung fällt trotzdem unterschiedlich aus. Der Grund steht nicht im Vertrag, sondern im Netzgebiet.
Der Preis hängt am Anschluss, nicht am Anbieter
Ein Tarifportal fragt zuerst nach der Postleitzahl, und das hat einen konkreten Grund. Ein erheblicher Teil des Strompreises wird nicht vom Lieferanten kalkuliert, sondern vom Betreiber des Netzes, an dem die Wohnung hängt. Dieses Netzentgelt zahlt der Haushalt über die Stromrechnung, aber es fließt an den Netzbetreiber weiter.
Deshalb kann derselbe Tarif in Flensburg einen anderen Endpreis haben als in Ulm. Der Anbieter ist identisch, seine Marge ist identisch, der Einkauf ist identisch, aber die durchgereichte Position ist eine andere. Für den Haushalt heißt das: Ein Preis, den ein Bekannter aus einer anderen Region nennt, ist kein Maßstab für das eigene Angebot.
Warum es so viele Netzbetreiber gibt
In Deutschland verteilen mehrere hundert Verteilnetzbetreiber den Strom in der Fläche, dazu kommen vier Übertragungsnetzbetreiber für das Höchstspannungsnetz. Historisch sind die Verteilnetze aus kommunalen und regionalen Versorgungsstrukturen entstanden, und diese Struktur besteht bis heute. Jeder dieser Betreiber kalkuliert eigene Entgelte, die von der Bundesnetzagentur oder der zuständigen Landesregulierungsbehörde geprüft und genehmigt werden.
Reguliert wird dabei nicht der Preis direkt, sondern die Erlösobergrenze: Der Netzbetreiber darf über seine Entgelte insgesamt nur einen bestimmten Betrag einnehmen. Wie er diesen Betrag auf die angeschlossenen Kunden verteilt, richtet sich nach festgelegten Regeln, unter anderem nach der Netzebene, an der ein Anschluss hängt. Ein Haushalt hängt an der Niederspannung und trägt damit anteilig die Kosten aller darüberliegenden Ebenen mit.
Was ein Netzentgelt teuer oder günstig macht
Der wichtigste Treiber ist die Kostendichte: Wie viele Kilometer Leitung entfallen auf einen angeschlossenen Haushalt. In einer dicht bebauten Stadt teilen sich viele Anschlüsse eine kurze Leitung. In einer dünn besiedelten Region verteilen sich dieselben Grundkosten auf deutlich weniger Anschlüsse. Ländliche Netzgebiete haben deshalb tendenziell höhere Entgelte als städtische.
Der zweite Treiber ist der Investitionsbedarf. Netzgebiete, in denen viel Windkraft oder Photovoltaik einspeist, mussten und müssen ihre Netze umbauen und verstärken. Diese Investitionen tauchen in der Erlösobergrenze auf und damit im Entgelt. Dass ausgerechnet Regionen mit besonders viel erneuerbarer Erzeugung überdurchschnittlich hohe Netzentgelte tragen, war jahrelang ein Kritikpunkt.
Der dritte Treiber ist die Altersstruktur des Netzes. Ein Netz, das gerade umfassend erneuert wurde, trägt hohe Abschreibungen. Ein weitgehend abgeschriebenes Netz trägt niedrige. Das kann sich innerhalb weniger Jahre umkehren.
Ein Rechenbeispiel
Wie stark sich ein Unterschied im Netzentgelt auswirkt, hängt am Verbrauch. Angenommen, zwei Haushalte verbrauchen jeweils 3.500 Kilowattstunden im Jahr und haben denselben Liefervertrag, aber ein um drei Cent je Kilowattstunde unterschiedliches Netzentgelt.
FREI GEWÄHLTE ANNAHME ZUR VERANSCHAULICHUNG DER GRÖSSENORDNUNG. KEINE AUSSAGE ÜBER KONKRETE NETZGEBIETE UND KEINE PREISPROGNOSE. TATSÄCHLICHE NETZENTGELTE VERÖFFENTLICHEN DIE NETZBETREIBER JÄHRLICH AUF IHREN INTERNETSEITEN.
Bemerkenswert ist die letzte Zeile: Auf das Netzentgelt fällt Umsatzsteuer an. Ein regionaler Unterschied vergrößert sich also noch um 19 Prozent, bevor er auf der Rechnung des Haushalts landet.
Erneuerbare Energien und die Verteilung der Kosten
Weil sich der Netzausbau für erneuerbare Energien sehr ungleich auf die Regionen verteilt, hat der Gesetzgeber einen Ausgleichsmechanismus geschaffen. Netzgebiete, die überdurchschnittlich hohe Kosten aus dem Anschluss erneuerbarer Erzeugung tragen, können einen Teil dieser Mehrkosten bundesweit umlegen. Die Bundesnetzagentur setzt die Einzelheiten fest und veröffentlicht sie.
Für den einzelnen Haushalt hat das eine praktische Folge: Netzentgelte sind keine feste Größe, die jahrelang gleich bleibt. Sie werden jährlich neu festgelegt und können sich in beide Richtungen bewegen, unabhängig davon, was der eigene Lieferant tut. Eine Preiserhöhung des Anbieters muss deshalb nicht bedeuten, dass der Anbieter mehr verdient.
Was in einem teuren Netzgebiet zu tun bleibt
Ein hohes Netzentgelt lässt sich nicht verhandeln und nicht abwählen. Daraus wird gelegentlich der Schluss gezogen, ein Tarifvergleich lohne sich in teuren Netzgebieten weniger. Das trifft nur eingeschränkt zu. Richtig ist: Je größer der nicht beeinflussbare Anteil, desto kleiner der Hebel in Prozent des Gesamtpreises. Falsch ist der Umkehrschluss, der Hebel verschwinde.
Der Betrag, um den sich zwei Lieferanten im selben Netzgebiet unterscheiden, hängt nämlich nicht am Netzentgelt, sondern an Beschaffung, Vertrieb und Grundpreis. Dieser Unterschied ist im teuren Netzgebiet ungefähr genauso groß wie im günstigen. In Euro pro Jahr gerechnet bleibt der Hebel damit bestehen, auch wenn er relativ zur Gesamtrechnung kleiner aussieht.
Umgekehrt gilt: Wer in einem teuren Netzgebiet wohnt und den Preisanstieg auf den Anbieter schiebt, liegt womöglich falsch. Ein Blick auf die Aufschlüsselung der Rechnung zeigt, welcher Block sich tatsächlich bewegt hat.
Wo die eigenen Zahlen stehen
Wer den zuständigen Netzbetreiber nicht kennt, findet ihn auf der Jahresabrechnung. Dort steht neben der Zählernummer üblicherweise auch die Marktlokations-Identifikationsnummer und der Name des Netzbetreibers. Diese Angaben werden ausserdem beim Anbieterwechsel gebraucht.
Netzbetreiber sind verpflichtet, ihre Entgelte jährlich zu veröffentlichen, in der Regel als Preisblatt auf der eigenen Internetseite, meist zum Jahreswechsel für das Folgejahr. Dort steht das Entgelt getrennt nach Arbeits- und Grundpreis, häufig ergänzt um die Konzessionsabgabe und die Entgelte für den Messstellenbetrieb. Wer die Zahlen des Vorjahres danebenlegt, sieht auf einen Blick, ob sich die Basis der eigenen Rechnung verändert hat, bevor der Lieferant überhaupt etwas angekündigt hat.
Was der Haushalt daraus mitnimmt
Erstens: Die eigene Postleitzahl ist die wichtigste Eingabe in jedem Tarifvergleich, noch vor dem Verbrauch. Ohne sie ist jeder angezeigte Preis eine Schätzung.
Zweitens: Ein Umzug ist der einzige Vorgang, bei dem sich das Netzentgelt tatsächlich ändert. Genau deshalb ist ein Umzug ein sinnvoller Anlass, den Liefervertrag neu zu prüfen, auch wenn der bisherige Anbieter mitgenommen werden könnte.
Drittens: Wer die eigenen Netzentgelte kennen will, findet sie in der Preisübersicht des örtlichen Netzbetreibers, die dieser jährlich veröffentlichen muss. Auf der Jahresabrechnung sind sie üblicherweise ebenfalls ausgewiesen, entweder als eigene Position oder in der Aufschlüsselung der Preisbestandteile. Wie sich die übrigen Bestandteile zusammensetzen, steht in Blatt 13.